Zahlungsverkehr: Prüf-Freigrenzen sind längst kein Bankgeheimnis mehr
[BERLIN / BÖBLINGEN] - 23. Mai 2008: Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble und der Vorsitzende der Ständigen Konferenz der Innenminister und -senatoren der Länder, der Innenminister des Landes Brandenburg, Jörg Schönbohm, stellten gestern in Berlin die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2007 vor. Dramatisch angestiegen sind die Fälle von Konto- und Überweisungsbetrug, einer Form von Vermögens- und Fälschungsdelikten. Waren es in 2006 noch 13.297 Fälle verzeichnet die Statistik für 2007 bereits 18.116 Fälle, was einem Anstieg von 36,2 Prozent entspricht. Schon 2006 nahmen die Fallzahlen um 19,5 Prozent zu.
In 2007 veröffentlichten die Medien unter anderem Fälle aus Berlin, Hamburg und dem Ruhrgebiet. 2008 wurden bisher Berichte aus Rotenburg und Oberhausen veröffentlicht. Oft agieren hier mutmaßlich gut organisierte Banden: sie fischen beispielsweise in großem Maße Überweisungsträger aus den Briefkästen der Institute, ändern darauf befindliche Empfängerdaten oder ahmen Unterschriften auf anderen Überweisungsträgern nach. Den Tätern kommt dabei entgegen, dass in vielen Instituten die Unterschrift auf einem Überweisungsbeleg erst bei vergleichsweise hohen Summen überprüft wird. Ein Grund dafür liegt an der hohen Anzahl der Überweisungen, die bei den Banken eintreffen: allein die Sparkassen-Finanzgruppe erhält im Jahr rund Hunderte von Millionen an Papierbelegen - eine kaum zu überblickende Zahl. So setzen immer mehr Kreditinstitute auf die Hilfe von Software für den automatischen Vergleich von Unterschriften. Bisher hoffte so mancher Verantwortliche im Zahlungsverkehr, dass es seine Bank "schon nicht treffen werde". Ein kaum kalkulierbares Risiko, wie die jüngsten Fälle erneut zeigen.
- Am 20. März 2008 veröffentlichte die Polizeiinspektion Rotenburg eine Warnung vor folgender Betrugsmasche: Opfer erhalten unerwartet ein Einschreiben mit Rückschein. Die Täter spekulieren darauf, dass die Opfer den Rückschein ausfüllen, um an den Inhalt des Einschreibens zu gelangen. Der Rückschein dient dem Täter zum Erhalt eines Faksimiles der Unterschrift des Opfers. Die Kontodaten des Opfers erhält der Täter beispielsweise durch Online-Auktionen wie eBay. Mit diesen Daten können Betrüger Überweisungsträger fälschen. Die Kriminalpolizei bittet die Bürger, Einschreiben mit Rückschein nicht ungeprüft entgegen zu nehmen.
- Die Polizei in Oberhausen veröffentlichte am 7. März 2008 einen Bericht wonach drei Oberhausener die Kontodaten ihrer Opfer durch Teilnahmen an Internetversteigerungen u.a. über eBay in Erfahrung brachten. Hierbei wurden ausschließlich Personen ausgewählt, die in Oberhausen und Umgebung wohnten oder ihre Konten hier führten. In Kenntnis dieser Daten wurden 103 Überweisungsträger mit den entsprechenden Kontodaten ausgefüllt und gefälscht. Die ergaunerte Summe betrug 24.000 Euro.
- Nach einem Bericht der Berliner Zeitung vom 14. April 2007 sind in Berlin meist Jugendliche und Heranwachsende die Täter, überwiegend „mit Migrationshintergrund“. Die Betrugsmasche erscheint nur auf den ersten Blick clever - bei näheren Nachforschungen führt sie oft zum Täter: Die Täter überweisen das Geld des betrogenen Kunden mittels gefälschtem Überweisungsschein auf ein Transferkonto. In Diskos oder Chaträumen suchen die Betrüger nach 15- bis 17-Jährigen, die über ein Schüler- oder Taschengeldkonto verfügen. „Willst du 50 Euro extra?“ fragen sie. Als Gegenleistung sollen die Angesprochenen ihr Konto und ihre Geldkarte zur Verfügung stellen.
Für das Jahr 2007 ist vom BKA noch keine Gesamtschadenssumme für den Bereich des Konto- und Überweisungsbetruges veröffentlicht worden. Sie dürfte deutlich höher als sein als die Vorjahreszahl: Die im Mai 2007 veröffentlichte Polizeiliche Kriminalstatistik 2006 beziffert die Schadenssumme der bekannt gewordenen Schäden im Bereich des Konto- und Überweisungsbetruges auf insgesamt 35.510.921 Euro. Von den 13.297 bekannt gewordenen Fällen 2006 lag ein Schwerpunkt der Einzelschäden im Bereich zwischen 500 und 2.500 Euro - 2.589 Fälle zählten zu dieser Gruppe.
Ohne Software können längst nicht alle Belege geprüft werden
In den USA ist der "Scheckberg" und seine Folgen noch viel dramatischer: Rund 33 Milliarden Schecks werden jährlich in den Vereinigten Staaten ausgestellt. Durch Scheckbetrug verlieren die Institute dort jedes Jahr Milliarden von Dollar, mit steigender Tendenz. Auch in Großbritannien oder Frankreich wird mit Schecks viel betrogen. Das Risiko ist für Betrüger noch verhältnismäßig gering und die Strafen sind in vielen Ländern kaum abschreckend.
Im Vergleich mit diesen Zahlen erscheinen etwas mehr als eine Milliarde Überweisungen und Schecks, die nach Schätzungen 2007 in Deutschland ausgestellt wurden, gering. Doch für das einzelne Institut ist damit ein enormer Aufwand und Zeit und Kosten verbunden. Mehr als die Hälfte der Belege hat die Sparkassen-Finanzgruppe zu bearbeiten. Mangelnde Kapazitäten und die hohe Anzahl an Belegen erklären also, warum Überweisungsformulare unterhalb bestimmter Beträge oft nicht geprüft werden. Erst die volle Automatisierung der Unterschriftenprüfung macht dies möglich.
Generell gilt, dass die Prüfung der Unterschrift auf Zahlungsbelegen einen Teil der Sorgfaltspflicht der Bank im Geschäftsverkehr mit ihren Kunden darstellt. In Deutschland sind Kreditinstitute verpflichtet, Fälschungen so gut es geht auszuschalten, und Auszüge zu kontrollieren (OLG Schleswig, Az. 5 U 69/93 und AG Frankfurt, AZ: 30 C 58/97-24), dennoch werden bisher relativ wenige Unterschriften auf Überweisungsträgern automatisch verglichen. Unter den wenigen deutschen Instituten, die bereits automatisch prüfen, finden sich diverse deutsche Privatbanken, die Sparkasse in Krefeld, die Berliner Sparkasse oder die Volksbank Mittelhessen. Eine kluge Investition, denn die Institute tragen das Risiko, sofern sie die Unterschrift nicht prüfen (BGH, AZ: XI ZR 117/96 und BGH, Az. XI ZR 325/00). In der benachbarten Schweiz wird heute schon nahezu flächendeckend ein automatischer Vergleich vorgenommen.
Täglich weltweit über 30 Millionen automatisch geprüfte Unterschriften
Pantow leitet die Produktentwicklung des 2005 eigens gegründeten Bereiches Betrugsprävention bei Softpro, einer Firma, die sich seit 1998 ausschließlich der softwarebasierten Prüfung von Unterschriften widmet. Bei einer der großen amerikanischen Banken werden heute die Unterschriften auf bis zu 15 Millionen Schecks pro Tag automatisch mit denen in einer Referenzdatenbank verglichen. Die erste Version der vollständig softwarebasierten Prüfung kam bereits 1994 bei der Credit Suisse zum Einsatz. Mittlerweile trifft man die Produktfamilie unter den Namen SignPlus oder FraudOne unter anderem auch in Australien, Brasilien, Großbritannien, Malaysia, Südafrika, Trinidad oder Zypern an.
Die Gemeinschaftsentwicklung mit IBM und dem Schweizer Partner App Informatik wurde seitdem kontinuierlich fortentwickelt, um den immer komplexer werdenden Ansprüchen stand zu halten. Sie basiert auf Erkenntnissen von Schriftsachverständigen. Bei Unterschriften auf Papier werden die statischen Bildmerkmale analysiert: dazu zählen Kreuzungen, Abzweigungen, Schleifen und Bogenformen. Diese Elemente werden gefiltert, kalkuliert und gewichtet. Beim Vergleich von Unterschriften wird ein Ähnlichkeitsgrad ermittelt. Liegt dieser innerhalb eines gewissen Toleranzrahmens, lassen sich die verglichenen Unterschriften folglich demselben Unterzeichner zuordnen. Derzeit werden täglich weltweit über 30 Millionen Schecks und Überweisungen mit dieser Technik geprüft, ein Großteil davon in den Vereinigten Staaten. Pantow: "Der Informationsbedarf bei den Instituten ist extrem hoch. Wir haben eine eigene Beratungsmannschaft aufgestellt."Tipps für mehr Sicherheit bei Überweisungen
Verbrauchern rät Pantow, ihre Bankdaten stets vertraulich zu behandeln, sie also zum Beispiel nicht auf Postkarten zu schreiben, wie es im Versandhandel üblich ist. Belege wie Kontoauszüge sollten vor dem Wegwerfen stets zerrissen werden. Unter Betrügern besonders beliebt sind die Papierkörbe neben Kontoauszugsdruckern - dort finden sich häufig vertrauliche Informationen. Lastschriftbelege von der EC-Karten-Zahlung, auf der auch die Unterschrift sichtbar ist- quasi als Fälschungsvorlage - sollten daher ebenso gründlich vernichtet werden. Es ist ratsam, Kontoauszüge genau und in kurzen Zeitabständen zu überprüfen und Auffälligkeiten unverzüglich dem Geldinstitut mitzuteilen. Einen ganz persönlichen Tipp hat Pantow auch noch parat: Je ausführlicher und individueller man unterschreibt, desto schwerer macht man es einem Betrüger. Pantow: "Bei Unterschriften auf Papier prüft unsere Software wie ein Gremium von Schriftsachverständigen. Untersucht wird dabei das Ergebnis eines typischerweise unreflektierten motorisch-kognitiven Prozesses - des Unterschreibens. Deshalb gilt hier: lieber eine individuelle Sauklaue als eine leicht nachahmbare Unterschrift in Schönschrift."
Automatische Unterschriftenprüpfung live
Softpro zeigt seine komplette Lösungspalette unter anderem auf der Finanzfachmesse MEFX in Dubai vom 1. bis 3. Juni 2008 und dem Finance Forum in Zürich vom 4. bis 5. November 2008.
